Von Simon ArgusVorlesung einer geographischen Berühmtheit in Frankfurt: David Harvey ist der wohl meist zitierte Humangeograph unserer Tage. Das liegt sicherlich auch an der Aktualität seines Forschungsgebiets: Seine Kapitalismuskritik stützt sich auf die räumliche Dimension, den Verbrauch von Raum durch einen auf Wachstum angewiesenen Kapitalismus.
Die aktuelle Finanzkrise, die als Immobilienkrise begonnen hat, ist ein Ereignis, an dem Harvey seine Theorien verbildlicht: Die Konsolidierung ökonomischer Macht ist ablesbar an der Enteignung tausender Hauseigentümer der ärmeren Schichten, der notwendigen Fusion von fast bankrotten Geldinstituten, die nach einer Gesundungsphase, mächtiger denn je, erneut ansetzen werden, Wachstum zu generieren: Auf Kosten des Raumes, indem sie neue Märkte besetzen und unsere Welt ökologisch und sozial - siehe die wachsende Schere zwischen arm und reich - immer weiter ans Limit treiben. Gestern hielt David Harvey eine Vorlesung an der Universität Frankfurt - und natürlich war das Interesse groß.
David Harvey hat mit seiner Kritik den Neoliberalismus im Visier, seine Position ist klar links. Dennoch lehnt er die bestehenden linken Parteien ab: Ihre Konzepte sind veraltet, denn auch die Linke baut weiterhin auf Wirtschaftswachstum zur Sicherung von Arbeitsplätzen. Doch dies ist laut Harvey nicht mehr haltbar: Eine Wirtschaft die seit 1750 jährlich um - in der Zusammenschau - etwa 2,25 Prozent wächst, ja wachsen muss, um weiter zu bestehen, frisst unsere Ressourcen.
Warum Wachstum? Arbeit erzeugt Profit, der Profit aber muss reinvestiert werden , um mehr Profit zu erzeugen - andernfalls wird der Profit in einem kapitalistischen System bald verschwinden: Aufgrund der Gesetze in einer konkurrierenden Wirtschaft. Harvey nennt dies das "Capitalist circuit absorption problem": Es wird zunehmend schwerer immer neue Märkte zu erschließen, um immer wieder die von Politikern aller Couleur geforderten 3% Wirtschaftswachstum zu realisiseren. 3% von insgesamt 56 Billionen der weltweiten Wirtschaftsleistung sind nicht gerade wenig und können nur erreicht werden, wenn wir regelmäßig allvernichtende Krisen akzeptieren, die nach einer Phase der Zerstörung wieder Raum für neues Wachstum bieten. Dabei ist die derzeitige Finanzkrise nur ein relativ unbedeutender Wertvernichter: Es geht um das äquivalent von etwa einem Jahr normalen Wirtschaftswachstums.
Harvey rollt die Wirtschaftsgeschichte auf, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Der zweite Weltkrieg war ein solcher Wertvernichter, der anschließend hohe Wachstumsraten ermöglichte. Um all die zusätzliche Wirtschaftskraft zu absorbieren - und hier kommt die Geographie ins Spiel - wurde dann in den 50er und 60er Jahren die Suburbanisierung voran getrieben: "Home ownership" ist das Zauberwort, das zu einem riesigen neuen Konsumbedürfnis führte (Beispiel: Rasenmäher), und das kapitalistische System über weitere Jahre hinaus stützte. Das Ergebnis ist der urban sprawl in den USA und anderen entwickelten Ländern, sowie die allgemeine Gewissheit der Menschen, dass der Besitz eines eigenen Hauses mit Garten das höchste Ziel der Selbstverwirklichung ist. Diese Vorstadtlandschaft ist es, von wo lange Zeit später - etwa um das Jahr 2006 - die große neue Wirtschaftskrise ausgehen sollte.
Doch inzwischen ist viel passiert: Harvey erklärt, dass die Suburbanisierung von einer gutverdienenden Arbeiterschicht getragen werden musste, die auch politisch immer größeren Einfluss erlangte. Dieser Einfluss schwand wieder, durch die weitere Ausbreitung der Produktion auf Entwicklungsländer mit niedrigeren Löhnen und einer einhergehenden erhöhten Konkurrenz im Arbeitsmarkt. Die Lösung stellte der Neoliberalismus dar: Mehr Eigenverantwortung, weniger staatliche Intervention. Doch hier widerspricht Harvey der gängigen Theorie: Der Staat zog sich zwar aus den sozialen Verpflichtungen zurück, war aber weiterhin in der Wirtschaft stark verwickelt: Kam die nämlich in Schwierigkeiten war und ist es weiterhin der Staat der eingreift. Bestes Beispiel ist die aktuelle Finanzkrise:
Hätte der Staat den Immobilienbesitzern geholfen, die in den Vorstädten von Cleveland und Baltimore ihre Häuser verloren, wären die Banken niemals in Schwierigkeiten gekommen. Doch staatliche Hilfe setzt nicht bei den Bewohnern an - zumal es sich zunächst hauptsächlich um Randgruppen wie Migranten, Schwarze oder alleinerziehende Frauen handelte. Erst wenn die ganz große Wirtschaft taumelt hilft er - nämlich den Banken.
Auch diese aktuelle Wirtschaftskrise ist laut Harvey eine Folge des Absorptionsproblems: Kreditkarten und Kauf auf Pump, sowie der Handel mit Aktien, Optionen und anderer "Investment vehicles" anstatt realer Werte, waren die Lösung der letzten Jahre auf die Frage: Wer soll das alles konsumieren?
Harveys Fazit: So kann es nicht weitergehen. Das Nullwachstum ist schlussendlich der einzige Ausweg aus der anhaltenden Zerstörung unserer Ressourcen. Die effiziente Nutzung, auch des Raumes, ist das Gegenkonzept zu raumgreifender Expansion (wie etwa der Suburbanisation). Reurbanisierung ist hier für den Geographen das wichtige Stichwort. Für den Politiker stellen sich derweil Fragen nach einem globalen Ausweg aus dem gegenwärtigen System - denn auch das System ist global. Harvey sagt: Es ist zu spät Pessimist zu sein und er hat Sympathien für den gegenwärtigen Führungsstil der USA - doch der Weg ist weit. Harvey hofft auf eine große soziale Bewegung als Ergebnis der gegenwärtigen Krise und darauf, dass der Einfluss der Wallstreet auch in der Obama-Administration noch sinkt.
Links:
> Eine Karte von Hauspfändungen in Baltimore
> Der Blog von Prof. David Harvey, ursprünglich entstanden um die Vorlesung zu Marx Buch "Das Kapital" online verfügbar zu machen.
> Die Homepage von Kritische Geographie, dem Veranstalter der Vorlesung.
Photoquelle: http://rainandtherhinoceros.wordpress.com/2008/08/25/reading-marx-with-david-harvey/
Die aktuelle Finanzkrise, die als Immobilienkrise begonnen hat, ist ein Ereignis, an dem Harvey seine Theorien verbildlicht: Die Konsolidierung ökonomischer Macht ist ablesbar an der Enteignung tausender Hauseigentümer der ärmeren Schichten, der notwendigen Fusion von fast bankrotten Geldinstituten, die nach einer Gesundungsphase, mächtiger denn je, erneut ansetzen werden, Wachstum zu generieren: Auf Kosten des Raumes, indem sie neue Märkte besetzen und unsere Welt ökologisch und sozial - siehe die wachsende Schere zwischen arm und reich - immer weiter ans Limit treiben. Gestern hielt David Harvey eine Vorlesung an der Universität Frankfurt - und natürlich war das Interesse groß.
David Harvey hat mit seiner Kritik den Neoliberalismus im Visier, seine Position ist klar links. Dennoch lehnt er die bestehenden linken Parteien ab: Ihre Konzepte sind veraltet, denn auch die Linke baut weiterhin auf Wirtschaftswachstum zur Sicherung von Arbeitsplätzen. Doch dies ist laut Harvey nicht mehr haltbar: Eine Wirtschaft die seit 1750 jährlich um - in der Zusammenschau - etwa 2,25 Prozent wächst, ja wachsen muss, um weiter zu bestehen, frisst unsere Ressourcen.
Warum Wachstum? Arbeit erzeugt Profit, der Profit aber muss reinvestiert werden , um mehr Profit zu erzeugen - andernfalls wird der Profit in einem kapitalistischen System bald verschwinden: Aufgrund der Gesetze in einer konkurrierenden Wirtschaft. Harvey nennt dies das "Capitalist circuit absorption problem": Es wird zunehmend schwerer immer neue Märkte zu erschließen, um immer wieder die von Politikern aller Couleur geforderten 3% Wirtschaftswachstum zu realisiseren. 3% von insgesamt 56 Billionen der weltweiten Wirtschaftsleistung sind nicht gerade wenig und können nur erreicht werden, wenn wir regelmäßig allvernichtende Krisen akzeptieren, die nach einer Phase der Zerstörung wieder Raum für neues Wachstum bieten. Dabei ist die derzeitige Finanzkrise nur ein relativ unbedeutender Wertvernichter: Es geht um das äquivalent von etwa einem Jahr normalen Wirtschaftswachstums.
Harvey rollt die Wirtschaftsgeschichte auf, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Der zweite Weltkrieg war ein solcher Wertvernichter, der anschließend hohe Wachstumsraten ermöglichte. Um all die zusätzliche Wirtschaftskraft zu absorbieren - und hier kommt die Geographie ins Spiel - wurde dann in den 50er und 60er Jahren die Suburbanisierung voran getrieben: "Home ownership" ist das Zauberwort, das zu einem riesigen neuen Konsumbedürfnis führte (Beispiel: Rasenmäher), und das kapitalistische System über weitere Jahre hinaus stützte. Das Ergebnis ist der urban sprawl in den USA und anderen entwickelten Ländern, sowie die allgemeine Gewissheit der Menschen, dass der Besitz eines eigenen Hauses mit Garten das höchste Ziel der Selbstverwirklichung ist. Diese Vorstadtlandschaft ist es, von wo lange Zeit später - etwa um das Jahr 2006 - die große neue Wirtschaftskrise ausgehen sollte.
Doch inzwischen ist viel passiert: Harvey erklärt, dass die Suburbanisierung von einer gutverdienenden Arbeiterschicht getragen werden musste, die auch politisch immer größeren Einfluss erlangte. Dieser Einfluss schwand wieder, durch die weitere Ausbreitung der Produktion auf Entwicklungsländer mit niedrigeren Löhnen und einer einhergehenden erhöhten Konkurrenz im Arbeitsmarkt. Die Lösung stellte der Neoliberalismus dar: Mehr Eigenverantwortung, weniger staatliche Intervention. Doch hier widerspricht Harvey der gängigen Theorie: Der Staat zog sich zwar aus den sozialen Verpflichtungen zurück, war aber weiterhin in der Wirtschaft stark verwickelt: Kam die nämlich in Schwierigkeiten war und ist es weiterhin der Staat der eingreift. Bestes Beispiel ist die aktuelle Finanzkrise:
Hätte der Staat den Immobilienbesitzern geholfen, die in den Vorstädten von Cleveland und Baltimore ihre Häuser verloren, wären die Banken niemals in Schwierigkeiten gekommen. Doch staatliche Hilfe setzt nicht bei den Bewohnern an - zumal es sich zunächst hauptsächlich um Randgruppen wie Migranten, Schwarze oder alleinerziehende Frauen handelte. Erst wenn die ganz große Wirtschaft taumelt hilft er - nämlich den Banken.
Auch diese aktuelle Wirtschaftskrise ist laut Harvey eine Folge des Absorptionsproblems: Kreditkarten und Kauf auf Pump, sowie der Handel mit Aktien, Optionen und anderer "Investment vehicles" anstatt realer Werte, waren die Lösung der letzten Jahre auf die Frage: Wer soll das alles konsumieren?
Harveys Fazit: So kann es nicht weitergehen. Das Nullwachstum ist schlussendlich der einzige Ausweg aus der anhaltenden Zerstörung unserer Ressourcen. Die effiziente Nutzung, auch des Raumes, ist das Gegenkonzept zu raumgreifender Expansion (wie etwa der Suburbanisation). Reurbanisierung ist hier für den Geographen das wichtige Stichwort. Für den Politiker stellen sich derweil Fragen nach einem globalen Ausweg aus dem gegenwärtigen System - denn auch das System ist global. Harvey sagt: Es ist zu spät Pessimist zu sein und er hat Sympathien für den gegenwärtigen Führungsstil der USA - doch der Weg ist weit. Harvey hofft auf eine große soziale Bewegung als Ergebnis der gegenwärtigen Krise und darauf, dass der Einfluss der Wallstreet auch in der Obama-Administration noch sinkt.
Links:
> Eine Karte von Hauspfändungen in Baltimore
> Der Blog von Prof. David Harvey, ursprünglich entstanden um die Vorlesung zu Marx Buch "Das Kapital" online verfügbar zu machen.
> Die Homepage von Kritische Geographie, dem Veranstalter der Vorlesung.
Photoquelle: http://rainandtherhinoceros.wordpress.com/2008/08/25/reading-marx-with-david-harvey/





